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Fortsetzung der Erlebnisse von Major (Oberst) Baring und des
2.leichten Bataillons der KGL in Waterloo
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Auszüge aus dem Buch ‘
Geschichte der Königlich Deutschen Legion 1803-1816’ von Bernhard Schwertfeger In zwei Bänden
Hannover und Leipzig Hahn’sche Buchhandlung 1907 Band 2 S.315ff
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Zum Nachdenken ließ der Feind mir keine Zeit, denn schon war er dicht an unsere schwachen Mauern gekommen, und griff nun, erbittert durch den erfahrenen
Widerstand, mit erneuter Wuth an. Der Kampf begann wieder zuerst
an der Scheuer, wo es ihm abermals gelang, Feuer hinein zu werfen, welches auf die nämliche Weise wie zuvor glücklich gelöscht wurde. Jeder Schuß, den wir thaten, erhöhete meine Angst und Sorge; ich schickte jetzt nochmals zurück, mit dem bestimmten Bericht, daß ich den Posten verlassen müsse und werde, wenn ich keine Munition erhielte. Auch dies blieb fruchtlos. Immer mehr und mehr nahm jetzt unser Feuer ab, und in demselben Sinne wie dieses fiel, stieg unsere Verlegenheit. Schon hörte ich mehre Stimmen wiederholt nach Munition rufen, mit dem Zusatze: wir wollen ja gern bei ihnen bleiben, aber wehren müssen wir uns doch können! Selbst die Officiere, die den ganzen Tag den größten Muth gezeigt hatten, stellten mir die Unmöglichkeit vor, unter solchen Umständen den Posten zu halten. Der Feind, der nur zu bald unsere Noth bemerkte, brach jetzt keck eine der Thüren ein. Da aber nur wenige zur Zeit eindringen konnten, so wurden diese dem Bajonette geopfert und dadurch die Hinteren scheu, den Vorderen zu folgen. Sie erstiegen nun die Mauern und Dächer, von wo aus ihnen meine unglücklichen Leute ungestraft zur Zielscheibe dienten; zugleich drängten die Feinde durch die offene Scheuer, die nicht mehr vertheidigt werden konnte. So unbeschreiblich schwer mir nun auch der Entschluß wurde, den Platz aufzugeben, so mußte die Stimme der Pflicht als Mensch doch jene der Ehre hier überbieten. Ich gab den Befehl, sich durchs Haus in den hintern Garten zu ziehen. Was mir diese Worte kosteten, und von welchen Gefühlen sie begleitet waren, möge der beurtheilen, der in gleicher Lage gewesen ist!
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Aus Furcht über den schlimmen Eindruck, den das Zurückziehen aus dem Hause auf die Mannschaft im Garten machen konnte, und um zu sehen, was dort möglicherweise
noch zu halten sein würde, mußte ich den vorgenannten
drei Officieren die Ehre überlassen, die letzten zu sein. Da der Durchgang des Hauses sehr schmal war, so wurden mehre Leute von den Feinden ereilt, die ihre Wuth an ihnen mit den niedrigsten Schimpfworten und der brutalsten Behandlung ausließen. Zu diesen gehörte der Fähndrich Frank, der schon verwundet war. Den ersten, der ihn angriff, durchstach er mit dem Säbel, ein anderer aber zerschmetterte ihm in diesem Augenblicke den Arm durch eine Kugel. Demungeachtet gelang es ihm, sich in ein Zimmer zu flüchten und hinter einem Bette zu verstecken. Noch zwei Leute flüchteten auch in diese Stube, die Franzosen folgten ihnen aber auf dem Fuße und schrien;
pas de pardon à ces brigands verts! und erschossen sie vor seinen Augen. Er hatte das wohlverdiente Glück unentdeckt zu bleiben, bis das Haus demnächst wieder in unsere Hände fiel.1
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1 Diese Darstellung klingt
unbeabsichtigt nicht gerade schmeichelhaft für Frank. In Wirklichkeit erhielt jener fast zu gleicher Zeit, wo ihm sein rechter Arm nahe dem Handgelenk zerschmettert wurde, einen zweiten Schuß mitten durch die Brust und taumelte in das an den Flur grenzende Zimmer, dort für tot neben einem Bette zusammenstürzend.
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Da ich mich nun vollkommen überzeugt hielt, und alle Officiere mir beistimmten, daß der Garten nicht zu behaupten wäre, wenn der Feind im Besitze des Wohnhauses
sei, so ließ ich jetzt die Leute sich einzeln nach der Position der Armee zurückziehen. Der Feind, wahrscheinlich froh über die Einnahme der Meierei, that uns keinen Abbruch auf diesem Rückzuge. Die Leute, welche
ich von fremden Corps gehabt hatte, entließ ich dorthin, und mit dem schwachen Reste der mir übrig gebliebenen Mannschaft setzte ich mich an zwei Compagnien des 1. leichten Bataillons, welche hinter der
Meierei in der Position hart an der Chaussee einen Hohlweg besetzt hatten,
und von dem Oberstlieutnant Louis v.d. Bussche kommandiert wurden. Obgleich ich keinen Schuß mehr thun konnte, so half ich doch die dort stehende Menge vergrößern, und ließ die Leute mit in den Hohlweg treten. Hier fing der Kampf mit erneuter Heftigkeit wieder an, indem die feindliche Infanterie, von meiner Meierei aus, vordrang. Jetzt mußte ich den Capitain Heinrich v. Marschalck fallen sehen, dessen vorhin bewiesene unübertreffbare Tapferkeit und Ruhe mir eben so unvergeßlich bleiben wird, wie er selbst es mir als Freund ist; auch dem Capitain von Gilsa ward die rechte Schulter zerschmettert. Ebenso wurde der Lieutenant Albert an dieser Stelle erschossen und dem Lieutenant Graeme die rechte Hand zerschmettert, indem er eben den Tschako in der Luft schwang und den Leuten Muth zurief. Beide wollten trotz alles Zuredens nicht in den Hohlweg treten, sondern hielten sich oben am Rande desselben auf. Bei dem Verlassen des Gebäudes war Capitain Holtzermann und Lieutenant Jobin gefangen und Lieutenant Carey verwundet worden, so daß die Zahl meiner Officiere sehr herabgeschmolzen war. Ich ritt ein Dragonerpferd, dessen Sattel mit großen Pistolenholstern und einem Mantel darüber bedeckt war; das Feuer war so heftig, daß hier vier Kugeln hineinschlugen und eine andere den Sattel durchbohrte, wie ich abgestiegen war, um den Hut wieder aufzunehmen, den eine Kugel mir vom Kopfe gerissen hatte.
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Das uns rechts stehende 5. Bataillon der Deutschen Legion wurde darauf beordert, die feindliche Infanterie mit dem Bajonette anzugreifen. Das Bataillon führte
dies mit dem größten Muthe aus; in dem Augenblicke aber,
wie es hierdurch in eine unvermeidliche Unordnung gerathen war, brach ein Regiment französischer Kürassiere aus dem Hinterhalte hervor und rächte schrecklich den Abbruch, den seine Kameraden so eben erlitten hatten. Die Kürassiere hielten dies für eine schöne Gelegenheit die Linie zu durchbrechen, indem sie wahrscheinlich unsere Leute in der Vertiefung nicht gewahrten. Allein, auf 20 Schritte nahe gekommen, erhielten sie ein solches Feuer, daß sie in großer Unordnung umkehrten, gehörig verhöhnt von den Leuten. In diesem Augenblicke rückte unser 3. Husaren-Regiment heran; die Kürassiere formirten sich wieder mit unglaublicher Schnelligkeit und boten ihnen die Stirn. Beide Corps schienen einander nicht recht zu trauen, jedoch brachen gleich darauf die Husaren ein, und das Gefecht, etwa 200 Schritt vor uns, war, obgleich nur kurz, doch sehr blutig. Nach etwa einer viertel Stunde des heftigsten Kampfes zogen sich beide Theile zurück; die Husaren gingen zwischen unsere Infanterie.
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La Haye Sainte - heute Aussenmauer zur Strasse nach Waterloo hin. Dies ist die Seite, auf der die 5.Linie KGL angreifen sollte
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Hierbei ereignete sich ein besonderer Vorfall. Ein Korporal der Husaren war, eingeschlossen von den Kürassieren, mit fortgerissen, hatte sich aber dennoch
seinen Weg zwischen ihnen heraus zu bahnen gewußt; ein Kürassier hatte dasselbe Geschick zwischen den Husaren gehabt, und als beide zu ihren Corps zurückeilen wollen, begegnen sie sich etwa auf der Hälfte des Weges.
Obgleich der Husar schon heftig blutete, so griffen sie einander doch gleichzeitig an, und wenn schon dies unter den Augen ihrer gegenseitigen Corps geschah, so rückte doch niemand heraus, um den Kampf zu
unterbrechen. Ich zitterte mit Recht für den Husaren, da ich ihn hatte
bluten sehen; allein seine Gewandtheit siegte über die Stärke des Gegners, er gewann ihm die linke Seite ab, brachte ihm einen Hieb durchs Gesicht bei, streckte ihn mit einem zweiten vollends zu Boden und kehrte ruhig, unter Ausrufungen des Beifalls von unserer Seite, zu seinem Corps zurück
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Neue feindliche Infanterie-Colonnen waren in dieser Zeit herangerückt und griffen wieder an. Nichts schien dem Morden ein Ende machen zu können, als gänzliche
Vernichtung des einen oder andern Theiles. Mein Pferd, das dritte, welches ich an dem Tage ritt, erhielt eine Kugel in den Kopf; es hob sich, und im Niederstürzen fiel es auf mein rechtes Bein und
drückte mich so fest in den tiefen Lehmboden, daß ich trotz aller Anstrengung mich ihm nicht entziehen konnte. Die Leute im Hohlwege hatten mich für todt gehalten und erst nach einiger Zeit kam einer heraus,
mich zu befreien. Obgleich mein Bein nicht gebrochen war, so hatte ich doch den Gebrauch desselben für den Augenblick verloren. Ich bat sehr dringend um ein Pferd und bot Geld über Geld; allein Menschen,
die sich meine Freunde nannten, vergaßen dieses Wort, und dachten nur an ihr eigenes Interesse. - Ich kroch zu dem nächsten hinter der Fronte liegenden Hause; ein Engländer war barmherzig genug, ein
umherirrendes Pferd für mich aufzufangen, einen Sattel darauf zu legen und mir hinaufzuhelfen. Ich ritt sodann wieder vor, wo ich die schwere Verwundung des General Alten erfuhr. Ich erblickte den Theil der
Position, den unsere Division inne gehalten hatte, nur noch schwach und einzeln besetzt; vor Schmerz meiner selbst kaum bewußt, ritt ich gerade hinauf zu dem Hohlwege, wo ich unsere Überreste verlassen
hatte. Aber auch die hatten wegen gänzlichen Mangels an Munition sich nach dem Dorfe zurückziehen müssen, um dort wo möglich Patronen zu finden. Ein feindlicher Reiter trieb mich endlich vom Fleck, und mit dem Gefühle des bittersten Unmuthes zurückreitend, begegnete mir ein Officier, welcher mir jene Nachricht mittheilte. Ich befahl ihm, meine Leute, und wären ihrer nur noch zwei Mann, wieder herzuführen, da ich Hoffnung hätte, einige Munition zu bekommen. Unmittelbar nachher erschallte auf der ganzen Linie der Ausruf:
Victoria! Victoria! und eben so kräftig: Vorwärts! Vorwärts! - Welch ein unglaublicher Wechsel! Da ich noch keine Leute wieder hatte, schloß ich mich an das 1. Husarenregiment und verfolgte
mit diesem den Feind, bis es dunkel wurde, und ich nach dem Schlachtfelde zurückkehrte.
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Die Division, welche schrecklich ermüdet war und unendlich gelitten hatte, blieb die Nacht über auf dem Schlachtfelde liegen, und mir waren von den 400 Mann,
womit ich die Schlacht eröffnet hatte, nicht mehr als 42 übrig geblieben. Nach wem ich auch fragen mochte, die Antwort lautete:
todt! - verwundet! - Ich gestehe frei, daß mir die Thränen unwillkürlich aus den Augen drangen über diese Nachrichten, und auch über so manches herbe Gefühl, was sich meiner willenlos bemächtigte. Aus diesen trüben Gedanken erweckte mich der Generalquartiermeister unserer Division, Major Shaw, welcher mein vertrauter Freund war. Ich fühlte mich in hohem Grade ermattet und das Bein war sehr schmerzhaft; mit meinem Freunde legte ich mich auf etwas Stroh, welches die Leute für uns zusammengesucht hatten, zum Schlafen nieder. Beim Erwachen fanden wir uns zwischen einem todten Menschen und einem todten Pferde. Doch ich will diese Scenen des Schlachtfeldes mit ihrem Elend und Jammer mit Stillschweigen übergehen.
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Wir begruben die todten werten Freunde und Kameraden; unter ihnen war auch der Kommandeur der Brigade, Oberst von Ompteda, und so mancher wackere Mann. Nachdem
etwas gekocht war und die Leute sich nur einigermaßen erholt hatten, brachen wir von dem Schlachtfelde zur Verfolgung des Feindes auf.
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Ehrentafel an der Außenwand von La Haye Sainte
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Für eine weitergehende Lektüre:
Mijndert Bertram Das Königreich Hannover Kleine Geschichte eines vergangenen deutschen Staates ISBN 3-7752-6121-4 Verlag Hahnsche Buchhandlung
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In diesem Zusammenhang machen der KGL e.V. und ich darauf aufmerksam, daß dies eine nichtkommerzielle Homepage ist. Weder der Verein noch ich stehen in einer
wirtschaftlichen Beziehung zu dem Verlag oder erzielen durch diese Veröffentlichung einen finanziellen Vorteil. Die Veröffentlichung geschieht nur zu dem Zweck, Interessenten auf eines der raren Bücher zu
verweisen, in denen Informationen zum Königreich Hannover zu erhalten sind.
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